Die Schlossstraße in Steglitz will mit der Zeit gehenBoulevard Berlin, das klingt nach Weite, grünen Bäumen und urbanen Schauwerten. Aber davon ist kaum etwas zu sehen in der Steglitzer Schlossstraße, wo am Mittwoch einmal mehr ein groß dimensioniertes Einkaufsquartier eröffnet wird. Das Projekt lockt mit Umweltzertifikat und denkmalschutzgerechtem Erhalt der Fassade des alten Wertheim-Kaufhauses. Steglitz will wieder einmal Anschluss halten an die Spitzenpositionen des Berliner Handels.
Das Ringen um die Käufergunst ist das Schicksal dieser engen Einkaufs- und Durchgangsstraße, die ihr Gefühl für Weite erst entfaltet, wo sie, vorbei am pittoresken Botanischen Garten, bereits Unter den Eichen heißt.
Kaufkraft kontra ArchitekturDie Schlossstraße, die nach dem nahe gelegenen Herrenhaus Wrangelschlösschen benannt ist, befindet sich seit Jahrzehnten in einem ökonomischen Wettkampf, der bereits mehrfach städtebauliche Teiloperationen nach sich gezogen hat. In wirtschaftlicher Hinsicht wurde das meist belohnt. Kaufkraft anzulocken vermochte die Schlossstraße immer. Der Preis dafür war architektonische Achtlosigkeit. So sehr sich die Schlossstraße auch um Bedeutung mühte, war das Ergebnis meist eine bauliche Gesichtslosigkeit. Und wo sie doch wiedererkannt wird, am Hochhaus Kreisel oder am grotesken Kneipenturm Bierpinsel, rufen Stadtkenner gleich Bauskandal und Architektursünde.
Dabei war Steglitz kurz nach dem Krieg einmal ein vitales kulturelles Zentrum der geteilten Stadt. Das Schlosspark-Theater war eine bedeutende Bühne West-Berlins, und im Titania-Palast wurden 1951 mit Alfred Hitchcocks „Rebecca“ die ersten Internationalen Filmfestspiele eröffnet. Steglitz, man glaubt es kaum, war einmal ein Kernbezirk der West-Berliner Identitätsbildung.
Nirgends schien der Osten weiter entfernt als rund um das Rathaus Steglitz. Dabei hat sich der Bezirk stets schwergetan mit der Ausbildung eines eigenen Kiezgefühls. Die Steglitzer Wohnbezirke wirkten schon immer wie die Quartiere von Besserverdienen, erst recht dort wo es in Richtung der Villenvororte Dahlem und Zehlendorf geht. Und obwohl das Geschäftsleben in der Schlossstraße seit jeher stark von Fluktuation geprägt ist, würde dort kaum jemand das Wort Gentrifizierung an die Wand sprühen.
Den diskreten Charme der Schlossstraße findet man, wenn es ihn denn gibt, ein paar Schritte abseits der Discounter und Hallen von Markenketten wie dem Schloss-Straßen-Center (SSC), das gleich mehrmals den Buchstaben „s“ spendiert, wo er nicht hingehört.
Woraus Steglitzer Flair einmal bestanden haben mag, verrät derweil der unter Denkmalschutz stehende gläserne Pavillon des Autohauses Winter, der heute eine Bäckereikette beherbergt. Hier wurden in transparenter 50er-Jahre-Luftigkeit nicht nur Autos präsentiert, sondern auch zeitgeschichtliche Ausstellungen. Die Steglitzer Bürgerschaft ist nie ganz untätig dabei gewesen, über das eigene Stadtschicksal nachzudenken. Selbst die schnöden Treppenaufgänge zu der brachial in die Stadtlandschaft gesetzten Autobahn dienten vorübergehend als Kunstgalerie. Zwischennutzung auf Steglitzer Art.
Zwischen urban und deftigStädtisch-urban geht es am Wochenende unterdessen auf dem Trödelmarkt am Hermann-Ehlers-Platz zu, der einige Spezialitäten aufweist wie den türkischen Händler für gebrauchte Designer-Bad-Garnituren samt Dichtungsringen und persönlich vorgetragenen Einbauanleitungen. Das Marktgeschehen gruppiert sich dabei rund um die Steglitzer Spiegelwand, die an die deportierten Berliner Juden erinnert und über das einstige jüdische Leben in Steglitz informiert.
Zu den kulturellen Besonderheiten gehört das Stadtbad Steglitz, das 2002 geschlossen und zwei Jahre später an eine private Investorin verkauft wurde. Seit 2004 wird das einstige Bad mit Kulturveranstaltungen und Café bespielt und präsentiert sich so als typische Szenelocation im für alternative Lebensformen nicht gerade bekannten Bezirk.
Und? Wird man da auch satt? In kulinarischer Hinsicht geht es in der Schlossstraße eher deftig zu, seit das erlesene Geschäft Feinkost Nöthling seinen Kontor für immer geschlossen hat. Dafür gibt es an der Wurstbude „Zur Bratpfanne“ seit 1949 die klassische Berliner Curry-Wurst, mit der Herstellung eigener Saucen kämpft man tapfer um die Top-Plätze hinter den Bestsellern des Berliner Wurstklassikers, Konopke’s Imbiss und Curry 36.
Wer es ein wenig stilvoller mag, sollte sich ein Stück nordwärts in Richtung Rheinstraße bewegen, die bereits zum mit Kulturtradition gesättigten Friedenau gehört, wo sich in den letzten Jahren eine stattliche Zahl von Cafés, Bistros und sogar eine kleine Kaffeerösterei angesiedelt hat. An der Dickhardtstraße lädt das portugiesische Restaurant Carlos Caravela seit Jahren zu Fischgerichten in ursprünglicher Atmosphäre ein.
Der Hauswein wird nach Zentimeterverbrauch berechnet und für den kleinen Appetit gibt es eine umfangreiche Karte mit Tapas. Fürs Spazierengehen danach lohnt der Aufstieg zum Insulaner, die kleine Erhebung mit Sternwarte und Sommerschwimmbad. Hat ja keiner gesagt, dass man nur zum Shoppen nach Steglitz muss.
Berliner Zeitung, [03.04.2012]